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Der Fair for Life-Standard: Fairness als Grundsatz

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Letzte Aktualisierung: 18. November 2025

Was ist Fair for Life, in zwei Worten?

Fair for Life ist ein Label für fairen Handel und soziale Verantwortung, das gesamte Lieferketten zertifiziert: landwirtschaftliche, Lebensmittel-, Kosmetik- … und Textilketten. Es wurde 2006 von der Swiss Bio-Foundation und der Organisation IMO ins Leben gerufen und 2014 von der französischen Gruppe Ecocert übernommen.

Sein Ziel ist es, den Handel zu einem positiven Hebel für Menschen und Umwelt zu machen, indem sichergestellt wird, dass alle Glieder der Kette (Produzenten, Verarbeiter, Marken) anspruchsvolle soziale, wirtschaftliche und ökologische Kriterien einhalten.

Im Textilbereich gilt Fair for Life insbesondere für Lieferketten wie Baumwolle und für Endprodukte (Kleidung, Heimtextilien …), vom Baumwollfeld bis zur Marke.

Wie funktioniert Fair for Life im Textilbereich?

Anwendungsbereich

Fair for Life kann Folgendes zertifizieren:

Die Idee ist nicht nur zu sagen: „Diese Baumwolle ist fair trade“, sondern dass die gesamte Lieferkette in verantwortungsvolle Praktiken eingebunden ist (Fairer Handel + Soziales + Umwelt).

Die wichtigsten Prinzipien für Textilien

Die Anforderungen sind in mehrere Blöcke gegliedert:

  1. Arbeitsbedingungen und Menschenrechte

  2. Wirtschaftliche Bedingungen für Produzenten und Arbeitnehmer

    • Fairer Einkaufspreis: höher als der Marktpreis, Deckung der Produktionskosten, mit einem garantierten Mindestpreis als Schutz im Krisenfall.
    • Mehrjährige Verträge (mindestens 3 Jahre), um die Beziehung zwischen Käufern und Produzenten zu sichern.
    • Entwicklungsprämie, die für gemeinschaftliche Projekte (Bildung, Gesundheit, Infrastruktur usw.) bestimmt ist und unter Beteiligung der Arbeitnehmer oder Produzenten verwaltet wird.
  3. Im Textilbereich bedeutet das zum Beispiel, dass Baumwollkooperativen oder Fabriken in sicherere Ausrüstung, soziale Dienstleistungen, Schulungen usw. investieren können.

  4. Umwelt und Ressourcen
    Auch wenn es ursprünglich kein „Bio“-Label ist, schreibt Fair for Life Folgendes vor:

    • Reduzierung gefährlicher chemischer Einsatzstoffe,
    • verantwortungsvolle Bewirtschaftung von Wasser und Böden,
    • Schutz der Biodiversität,
    • Förderung biologischer Praktiken, wenn dies möglich ist.
  5. Im Textilbereich wird dies häufig mit anderen Labels kombiniert (z. B. GOTS), um die Aspekte „Textilchemie“ und „Färbeprozesse“ genauer abzudecken.

  6. Governance, Transparenz und Rückverfolgbarkeit

    • Physische Rückverfolgbarkeit der Warenströme (Vermeidung einer reinen „Massenbilanz“): Was als Fair for Life verkauft wird, stammt tatsächlich aus zertifizierten Lieferketten und nicht nur aus einem buchhalterischen System.
    • Bewertungssystem auf Punktebasis (Scoring) und kontinuierliche Verbesserung: Das Unternehmen muss sich langfristig weiterentwickeln und kann sich nicht damit begnügen, Anforderungen einmalig abzuhaken.
    • Regelmäßige Audits durch unabhängige Dritte, mit Dokumentenprüfung und Vor-Ort-Besuchen.

Was Fair for Life dem Textilsektor wirklich bringt

Ansatz „komplette Lieferkette“

Im Gegensatz zu manchen Labels, die nur ein Glied abdecken, versucht Fair for Life, die gesamte textile Lieferkette zu zertifizieren: Baumwollproduzenten, Spinnereien, Webereien, Konfektion, Marke.

Für den Textilsektor ist das wichtig: Soziale Skandale entstehen sowohl auf den Feldern als auch in den Nähereien.

Mix aus sozial, fair und ökologisch

Fair for Life kombiniert:

Auch wenn im Textilbereich der „Tierwohl“-Aspekt weniger im Vordergrund steht, bleibt die Logik dieselbe: Soziales nicht von Ökologie zu trennen.

Ein multisektorales Label für „Lifestyle“-Marken

Praktisch für Marken, die gleichzeitig im Textil-, Lebensmittel- und Kosmetikbereich tätig sind: ein einheitlicher, kohärenter Referenzrahmen.

Anspruch und Rückverfolgbarkeit

Akteure wie Ecoconso oder andere Label-Guides betrachten Fair for Life als ein anspruchsvolles Label: starke soziale Kriterien, Umwelt, Tierwohl, strenge physische Rückverfolgbarkeit usw.

Für den Textilbereich verhindert dies „Greenwashing“ durch bloße vage Kommunikation über „Fair Trade“.

Stärken des Standards Fair for Life (für Textilien)

  1. Echte Logik des fairen Handels:
    • Faire Preise, Mindestpreise, langfristige Verträge, Entwicklungsprämien.
    • Das schafft mehr Sicherheit für Baumwollproduzenten und in manchen Fällen auch für Konfektionsbetriebe.
  2. Ansatz einer vollständigen Lieferkette:
    • Man beschränkt sich nicht auf den landwirtschaftlichen Betrieb oder ein einzelnes Glied; Ziel ist, dass die gesamte Kette ausgerichtet ist.
  3. Ernsthafte soziale Kriterien:
    • Menschenrechte, Gesundheit/Sicherheit, Vereinigungsfreiheit, Beschwerdemechanismen usw.
    • Man geht deutlich über einfache freiwillige Verhaltenskodizes hinaus.
  4. Relevante Umweltkomponente
    • Verantwortungsvolle Ressourcenbewirtschaftung, Verringerung gefährlicher Produkte, Förderung biologischer Praktiken.
    • Es ist weniger technisch als rein ökologische Labels, aber umfassender als manche rein „Fair Trade“-Labels.
  5. Physische Rückverfolgbarkeit und unabhängige Kontrolle
    • Dies ist ein echter Pluspunkt gegenüber Systemen, in denen Warenströme ausschließlich über Massenbilanz gemischt werden.
    • Für Verbraucher erhöht das die Glaubwürdigkeit.
  6. Geografische und typologische Flexibilität der Akteure.
    • Fair for Life kann sowohl auf Akteure im globalen Süden als auch im Norden angewendet werden, auf Kooperativen ebenso wie auf Unternehmen.

Grenzen und Kritikpunkte von Fair for Life

Kein Label ist perfekt, und auch Fair for Life hat seine blinden Flecken.

Geringe Bekanntheit in der breiten Öffentlichkeit

In Studien und Verbraucherumfragen wird Fair for Life oft als sehr seriöses Label beschrieben, aber:

  • es ist deutlich weniger bekannt als Fairtrade (das grün-blaue Logo),
  • man sieht es eher selten im klassischen Lebensmittelhandel, häufiger in Biomärkten oder Fachgeschäften.

Für eine Textilmarke bedeutet das:

  • großer Aufwand an Aufklärungsarbeit,
  • eine geringere Marketingwirkung als bei einem sehr bekannten Label.

„Fair-Trade“-Standard, aber kein reiner Textilspezialist

Fair for Life ist ein Standard für fairen Handel und verantwortliche Lieferketten, kein reiner Textilstandard wie etwa:

  • GOTS (sehr stark auf Bio ausgerichtet + strenge Vorgaben zu Chemikalien und Färbeprozessen),
  • bluesign® (Schwerpunkt auf dem Management von Chemikalien und industriellen Prozessen),
  • oder bestimmte technische Referenzsysteme, die in Leitfäden für Textilzertifizierungen aufgeführt sind.

Daraus folgt:

Existenzsichernder Lohn: Fortschritte, aber kein so klarer Zeitplan wie bei anderen

Der Standard beinhaltet den Begriff einer angemessenen Entlohnung und fördert die Verbesserung der Löhne über Prämien, Verhandlungen usw.

Vergleicht man ihn jedoch mit stark textilorientierten Referenzsystemen wie dem Fairtrade Textile Standard, der ein Ziel für existenzsichernde Löhne innerhalb eines klar definierten Zeitrahmens (6 Jahre) vorschreibt, ist Fair for Life bei der zeitlichen Festlegung weniger explizit.

Konkret heißt das:

  • der Standard unterstützt einen sozialen Aufwärtstrend,
  • übt jedoch nicht denselben formalen Zeitdruck auf Löhne aus wie manche rein textilspezifischen Standards.

Komplexität und Zertifizierungskosten

Auch wenn das nicht spezifisch für Fair for Life ist:

  • die Zertifizierung einer gesamten textilen Lieferkette (von der Baumwolle bis zur Konfektion) bedeutet mehrere Audits, umfangreiche Dokumentation und laufende Nachverfolgung,
  • für sehr kleine Strukturen können Kosten und Komplexität ein Hindernis darstellen, insbesondere wenn sie bereits nach GOTS, Fairtrade usw. zertifiziert sind.

Das erklärt häufig, warum:

Verständlichkeit für Verbraucher

Die Aussage „Fair for Life“ ist nicht so selbsterklärend wie:

  • „Fairtrade Cotton“ (spricht direkt über die Baumwolle),
  • oder „Organic / Bio“ (wird sofort verstanden).

Man muss dem Kunden oft erklären:
→ Fairer Handel + Umwelt + Rückverfolgbarkeit + Prämien + langfristige Verträge … Es ist kein Logo, das „von selbst spricht“.

In der Praxis: Wozu dient es – je nach Profil?

Wenn du eine Textilmarke bist

Fair for Life ist interessant, wenn du Folgendes möchtest:

  • eine echte Fair-Trade-Strategie für deine Baumwoll- oder Textillieferkette aufbauen,
  • über ein bloßes „Wir zahlen unseren Lieferanten etwas mehr“ hinausgehen,
  • ein glaubwürdiges Label für den sozialen und fairen Aspekt haben,
  • es gegebenenfalls mit GOTS / anderen Labels kombinieren, um die Bereiche „Textilchemie & Umwelt“ noch umfassender abzudecken.

Wenn du Verbraucher:in bist

Ein Textilprodukt mit dem Label Fair for Life bedeutet in Kurzform:

  • gerechtere und langfristigere Verträge für Produzenten,
  • besser abgesicherte Preise für die Lieferkette,
  • geregelte Arbeitsbedingungen,
  • tatsächliche Umweltbemühungen,
  • eine weitreichende Rückverfolgbarkeit.

Es ist nicht das sichtbarste Label im Regal, aber eines derjenigen, die die umfassendsten Garantien im Bereich fairer Handel + Achtung der Menschen bieten.

Hinweise

  1. IAO : Internationale Arbeitsorganisation
    → Die IAO ist eine 1919 gegründete Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Sie hat den Auftrag, soziale Gerechtigkeit zu fördern und grundlegende Rechte bei der Arbeit zu gewährleisten.
  2. CSR : Corporate Social Responsibility
    → CSR bezeichnet alle Maßnahmen, die ein Unternehmen ergreift, um über seine gesetzlichen Verpflichtungen hinaus einen positiven Beitrag zur Gesellschaft und zur Umwelt zu leisten. Sie beruht auf drei Säulen: sozial (Arbeitsbedingungen, Menschenrechte), ökologisch (Reduzierung der Umweltauswirkungen, Ressourcenmanagement) und wirtschaftlich/ethisch (transparente Unternehmensführung, verantwortungsvolle Beschaffung).